„Herzfaden“

Von Thomas Hettche, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

Poetisch schön erzählt

Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut, da ich – weiß ich es noch ganz genau- als kleiner Bub immer voller Vorfreude vor dem Fernseher saß, wenn sich die Augsburger Puppenkiste ankündigte. Das Fernsehprogramm lief ja damals noch nicht rund um die Uhr, und so war es für mich immer ein Highlight, wenn ich die Augsburger Puppenkiste anschauen durfte.

Das Buch ist sehr schön gestaltet und ist zweifarbig geschrieben. Auch die Zeichnungen im Buch sind künstlerisch schön und ansprechend, sodass es eine Freude für mich war, beim Lesen diese betrachten zu können. 

Die beiden Farben, mit denen die Geschichte geschrieben ist, zeigen mir gleich, dass die Geschichte in zwei Ebenen spielt. Zum einen spielt der Roman im Hier und Jetzt (rot geschrieben) und dann erzählt uns der Autor die Geschichte von Hannelore Marschall, genannt „Hatü“ in blauer Schrift.

Bei keinem Buch ist mir die Rezension so schwer gefallen, wie bei diesem. Meine Erwartungen waren wohl……ja was eigentlich? Zu hoch, oder was genau habe ich denn erwartet? Ich kann es nicht sagen. Deswegen bin ich zwar auf der einen Seite etwas enttäuscht, oder besser eher überrascht, wenngleich das Buch mit Lobeshymnen überschüttet wird, u. a. von Dennis Scheck. Aber andererseits macht das Buch etwas mit mir. Irgendetwas ist mit mir geschehen, während ich es gelesen habe, etwas, was mir gut getan hat. Ich bin glücklich, weil ich wieder Kind bin.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein kleines Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren, verirrt sich auf den dunklen, scheinbar schier unendlichen Dachboden der Augsburger Puppenkiste und trifft dort zunächst auf „Hatü“ und auch auf die, mir aus Kindertagen so lieb gewonnenen Marionetten, wie das Urmel, den kleinen König Kalle Wirsch oder Jim Knopf. 

Auch auf den Kasperl trifft das Mädchen, der zunächst als extrem boshaft dargestellt wird, was ich so nicht verstanden habe. Auch was das IPhone des Mädchens in der Geschichte zu tun hat, erschließt sich mir auch bis zum Ende des Buches nicht. 

Was mir aber sehr gut gefällt ist, dass ich nun die Geschichte der Augsburger Puppenkiste erfahre. Wie alles anfing, in einer Zeit, in der der zweite Weltkrieg das Leben der Menschen fest im Griff hatte und auch darüber, wie das NS-Regime das Leben der Menschen beeinflusst hat. Wie aus der Not heraus und aus einer vielleicht daher gesagten Idee etwas wirklich schönes wurde. Die Augsburger Puppenkiste.

Auch hatte ich zwischendurch die Befürchtung, dass sich der Autor zu einem kitschigen Erzählstil hinreißen lassen könnte/ würde, was aber überhaupt nicht der Fall ist. Thomas Hettche gelingt hier eine Gratwanderung aus einer historischen Geschichte und einer Familiengeschichte gepaart mit einer Erzählung über die wohl bedeutendste Sendung der Nachkriegszeit im Deutschen Fernsehen, der Augsburger Puppenkiste. Und dies meistert Thomas Hettche wirklich bravurös und es ist eine Freude, das Buch zu lesen.

Aber mit dem Schreibstil hatte ich dennoch so meine Auseinandersetzungen, da er mir zum Teil zu langatmig erschien, mich müde gemacht hat. 

Die Charaktere im Buch, und da meine ich nicht die Marionetten, denn die sind für mich absolut Klasse, gefallen mir gut, allerdings hätte ich gern auch mehr über das Mädchen auf dem Dachboden erfahren. Die scheinbar kettenrauchende Hatü dagegen erzählt dem Mädchen ihre Geschichte sehr gut. Wie sie ihre Kindheit verbracht hat, den Vater in den Krieg ziehen lassen musste und wie sie dann nach dessen Rückkehr die Augsburger Puppenkiste als Familienunternehmen gemeinsam aufbauen, wie sie die Marionettenköpfe schnitzt, sich verliebt, und erwachsen wird.

Auch wie die junge Hannelore Marschall den Krieg und das Naziregime erlebt, und Menschen plötzlich am nächsten Tag verschwunden sind, wird deutlich. Ja man könnte streiten, ob dies in einem Buch über die Augsburger Puppenkiste notwendig ist, aber da es ein Teil unser aller Geschichte ist, finde ich es völlig in Ordnung wie und auch in welchem Umfang darüber geschrieben wird.

Unterm Strich lässt mich das Buch zweigeteilt zurück.

Ich werde Dank meiner, aus Kindheitstagen lieb gewonnenen Wegbegleiter, wie Jim Knopf, das Urmel, oder Kalle Wirsch, wieder in die Kindheit zurück gebracht, was viele Erinnerungen in mir geweckt hat und mich an viele Situationen als kleiner Bub erinnert hat, was mir wirklich gut getan hat.  Andererseits bin ich etwas vom Schreibstil ermattet, der sich für mich teilweise schwierig dargestellt hat und zwischendurch ermüdend gewesen ist.

Es ist für mich persönlich dennoch ein lesenswertes Buch mit kleinen Schwächen, die mich aber nicht wirklich stören.

Wie ich ja oben schon beschrieben hatte, ist mir keine Rezension bisher so schwer gefallen, wie diese hier. 

Schön, dass ich meine Wegbegleiter aus Kindertagen noch einmal so persönlich treffen durfte.

Das Urmel sagt: „Ich tomme mit! Oder „hatsi……tsuldigung“. Und schon habe ich das Bild vom Urmel mit seinem um den Hals hängenden Schnuller im Kopf. Herrlich.

Hatsi , tsuldigung……..wer muss da nicht schmunzeln, weil es das Kind in uns anspricht.

„Sag den Wölfen ich bin zu Hause“

Von Carol Rifka Brunt, erschienen im Eisele Verlag. Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch v. Frauke Brodd

Einfühlsam, sensibel und ergreifend

Ein Buch, das schon lange auf meiner Wunschliste stand und dann noch etwas Zeit auf dem SUB verbracht hat, bis wir nun zusammengefunden haben.

Es ist ein Buch über Freundschaft, über Trauer und über das Erwachsenen werden; über die Familie, einschließlich ihrer unschönen Seiten und der Versuch allem und jedem gerecht zu werden.

Ich war, sehr gespannt auf das Buch, da ich durchweg positive Meinungen dazu gehört hatte. Der Titel sprach mich sofort an und machte mich neugierig. Das Cover gefällt mir gut. Die Geschichte spielt 1987, (nebenbei bemerkt: meine Jugendzeit), was mich deshalb gleich mitgenommen hat. Wir lernen Finn kennen, den (Paten)Onkel von June. Finn verstirbt an AIDS, was seine Nichte June völlig aus der Bahn wirft. June scheint auch die Einzige zu sein, die wirklich um ihn trauert. Wäre da nicht Toby, der plötzlich in Junes Leben auftaucht und ebenso leidet unter Finns Tod wie sie selbst. Toby war der Lebenspartner von Finn und Junes Mutter gibt ihm die Schuld an Fynns Tod.
Die Charaktere sind aus meiner Sicht wirklich gut dargestellt. Weder übertrieben kitschig, noch klischeehaft. Die Geschichte ist so einfühlsam geschrieben, mit einer ganz bezaubernden Art und Weise, dass ich seitenweise mit den Protagonisten mitgelitten habe; verärgert war über Junes Mutter und ihre Art der Trauer, genervt war von Junes Schwester, die sie scheinbar kein bisschen leiden kann, ja sogar zu hassen scheint. Aber je weiter ich gelesen habe, desto klarer wurden Verhaltensweisen einzelner Personen, aber desto schwerer fiel es mir keine Träne zu vergießen. Es ist der Debütroman der Autorin und ein gelungener Roman, wie ich finde. Der Roman und die Geschichte geht mir unter die Haut, lässt mich wütend sein, verärgert mich, tröstet mich im nächsten Augenblick und lässt mich hier und da auch schmunzeln. Der Roman lässt mich einerseits mit einer Leere und Traurigkeit zurück aber auch mit der Gewissheit, dass nicht alles verloren scheint, wenn wir zueinander und zu unserem Wort stehen.

Ein tolles, lesenswertes Buch und wieder eine klare Leseempfehlung.

„Mein Leben mit Martha“

von Martina Bergmann, erschienen im Eisele Verlag

Behutsam und gefühlvoll erzählt – eine Hommage an die Menschlichkeit

Es ist ein nicht allzu dickes Buch, aber das muss es auch nicht, denn die 225 Seiten sind wirklich gelungen.

Kurz zur Geschichte:

Martina, Buchhändlerin, knapp 40 Jahre alt, kümmert sich um Heinrich und Martha. Ein Pärchen. dass seit fast 40 Jahren zusammen lebt ohne verheiratet zu sein. Martha ist Mitte achzig, hat mit 50 promoviert und ist nun an Demenz erkrankt. Heinrich sagt immer, Martha sei in einer „poetischen Verfassung“ – so nennt er die Demenz. Als Heinrich stirbt kümmert sich Martina allein um Martha ohne mit ihr verwandt zu sein und ohne sie wirklich gut zu kennen. Es beginnt eine wunderbare Zeit, die die beiden unterschiedlichen Frauen erleben.

„Mein Leben mit Martha“ ist der Debutroman von Martina Bergmann und ihr gelingt hier etwas ganz Bezauberndes. Der Schreibstil kommt mit ganz leisen Tönen daher und ist so gefühlvoll ohne kitschig zu wirken, ehrlich und mitfühlend ohne Mitleid zu erregen und dabei noch mit einer Prise Humor versehen, die mich wirklich oft schmunzeln lässt ohne Martha lächerlich zu machen. Die Autorin begegnet Heinrich und auch Martha mit soviel Menschlichkeit und Respekt und auf Augenhöhe, dass es wirklich eine Freude ist, das Buch zu lesen. Und das solltet ihr.

Das Buch beschreibt die Aufs und Abs eines gemeinsamen Lebens und den fast zärtlichen, liebevollen Umgang mit einer an Demenz erkrankten Person. Auch die damit verbundenen Probleme, der Ärger mit den offiziellen Stellen, wenn es um die Pflege oder Vormundschaft geht. Sie beschreibt den Ärger mit den Nachbarn, die neidisch auf Martina sind, da sie nun das Haus von Heinrich hat. Das alles stellt die Autorin aber nicht in den Vordergrund, sondern es ist eher nebensächlich. Im Vordergrund steht ganz klar Martha. Martina stört sich nie an der Krankheit, an Marthas Vergesslichkeit, ihren Eigenheiten, vielmehr steht trotz der Krankheit Marthas Souveränität, ihr Wille sich durchzusetzen an erster Stelle. Martha schätzt andere Menschen in den ersten zehn Sekunden ihres Aufeinandertreffens richtig ein und kommuniziert dies auch auf eine herrlich ehrliche und zum Teil brachiale Weise. Martina hat nicht nur das Glück ein gutes, hilfsbereites Team auf Seiten der Gerichtsbarkeit und des Sozialdienstes zu haben sondern sie hat eine zwar kranke, aber sehr patente und liebenswerte, manchmal schrullige Martha an ihrer Seite.

Das Buch steht für mich als Hommage an die Menschlichkeit, das Miteinander und dafür, für einen Mensch uneigennützig da zu sein, nämlich dann, wenn es darauf ankommt.

Ich liebe dieses Buch und ich liebe Martha. Ich habe das Gefühl dazuzugehören, dabei zu sitzen und ihr zuzuhören, sie mitzuerleben, ein Teil von Marthas Leben zu sein. Es war ein wahres Lesevergnügen – ein Genuss.

Ich kann nur sagen: lest diese Buch!

„Im nächsten Leben wird alles besser“

V. Hans Rath, erschienen im Ullstein Verlag

Herzerfrischend humorvoll

Ich hatte das Buch zunächst überhaupt nicht auf dem Schirm und bin eher durch Zufall darauf aufmerksam geworden. Und was soll ich sagen? Ich bin wirklich nicht enttäuscht worden.

Das Cover wirkt auf den ersten Blick etwas „dunkel“, bestimmt durch die Farbe schwarz, aber da sind noch bunte Buchstaben, die etwas erhellendes, erheiterndes haben, gemeinsam mit den beiden Karikaturen. Insgesamt gefällt mir das Cover recht gut. 

Die Geschichte ist schnell erklärt. Der Protagonist Arnold Kahl ist ein Nörgler, mit sich und der Welt unzufrieden und findet sich plötzlich im Jahr 2045 wieder. Ein Alptraum, oder etwa doch nicht? 

Dort ist er aber nicht allein, sondern ihm ist ein sogenannter Bot namens Gustav, eine Künstliche Intelligenz zur Seite gestellt, die sich um ihn kümmern soll, denn dies ist in der Zukunft scheinbar so. Welch eine tolle Vorstellung. Gustav kümmert sich mal mehr oder weniger emphatisch, meistens seiner technischen Logik folgend, ziemlich gut um Arnold, obwohl er ein Auslaufmodell ist. Manchmal scheint er schon Ausfallerscheinungen zu haben, was den Bot durchaus sehr sympathisch macht. Es beginnt eine herrlich Geschichte mit dem ungleichen „Paar“. Der Autor erzählt uns was sie gemeinsam erleben, welche abstrusen Situationen sie meistern und vor allem sind es die wirklich guten und klugen Dialoge, witzig, spritzig, mal bissig, mal mit schwarzem Humor gespickt, die diese Geschichte so wunderbar erfrischend macht.

Es ist ein Buch das durch seine Leichtigkeit, seinen Humor und durch den, für mich frischen Schreibstil besticht. Gerne wäre ich bei den beiden live dabei. Ich erwische mich immer wieder, wie ich schmunzelnd die Geschichte in mich aufsauge und mich auf das nächste Kapitel freue, mit einem verschmitzten Lächeln

Zugegeben, an manchen Stellen ist es etwas vorhersehbar, aber das tut der Leichtigkeit und dem Humor des Buches nicht weh. An manchen Stellen lag ich dann dennoch nicht ganz richtig, aber was soll’s. Es ist kein Krimi, kein Roman sondern gute Unterhaltung für einen lauen Sommerabend oder einen ebenso schönen Strandtag. 

Sehr gut gefällt mit dann doch, dass es nicht nur eine einfache Unterhaltung ist, sondern mich ganz behutsam als Leser zum nachdenken anregt. Anregt über das Leben nachzudenken. Wie wichtig nehmen ich mich und wieviel bleibt dadurch vom „wir“ auf der Strecke. Was für Wünsche habe ich im Leben und kann ich diese realisieren. 

Warum verschieben wir so viele wichtige Dinge auf Morgen um dann am Ende ihnen nurmehr nachzutrauern?

Ein herzerfrischendes Buch mit ganz klarer Leseempfehlung.

„Der steinerne Engel“

v. Margaret Laurence, erschienen im Eisele Verlag, Übersetzung aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark

Leise, wortgewaltig und wunderschön

Zunächst einmal recht herzlichen Dank an den Eisele Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.

Was für eine Geschichte!

Ich dachte am Anfang, was ist denn das. Es beginnt sehr ruhig und zunächst hat mich die Geschichte nicht wirklich mitgenommen oder gar gepackt. Aber im Laufe des Lesens wollte ich immer mehr über die Hauptprotagonistin „Hagar“ wissen und mehr über sie erfahren und gerne hätte ich sie persönlich kennengelernt, mit ihr gesprochen, ihr geholfen und ihr einfach nur gerne zugehört.
Es geht im Buch um Hagar Shipley, eine Dame, die bereits neunzig Jahre alt ist. Vor ca. zehn Jahren hat sie angefangen zu rauchen; aus Langeweile.

Sie ist nicht einfach, eckt hier und da an, was ihr aber egal ist und sie merkt schnell, dass sie  mittlerweile, im Gegensatz zu ihrer eigentlichen Überzeugung, nicht mehr selbst für sich entscheiden, handeln, geschweige denn sorgen kann. Auch wenn sie es nicht wahr haben möchte; sie kann es nicht mehr ändern. Hagar wirkt für uns zunächst unfreundlich, etwas schrullig und mürrisch und ist mit sich und ihrer Welt unzufrieden und lässt dies ihre Umwelt spüren. Vor allem ihren Sohn und ihre
Schwiegertochter. Bei den beiden lebt sie nun schon sehr lange und die beiden möchten sie nun aber gerne in ein Altenheim geben. Was für ein Desaster für Hagar. So beschließt Hagar nun ihren eigenen Weg zu gehen und macht sich auf und davon. Soweit zur Geschichte.

Das Cover finde ich sehr ansprechend. Der Schreibstil ist leise, unaufgeregt aber wortgewaltig und flüssig und macht sehr neugierig und ich wollte nicht aufhören zu lesen, bzw. Hagar zuzuhören, obwohl Hagar kaum spricht, mehr denkt, darf ich teilhaben an ihren Gedanken, ihrer Geschichte und ihrem Leben. Hagar spricht meistens mit sich selbst und dies immer im Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart.
Hier gelang der Autorin etwas wirklich Großes. Durch den Schreibstil bleibe ich dran, höre zu, bin neugierig, was noch alles kommt. Es geschieht, dass Hagar oft Vergangenheit und Gegenwart ihres Lebens vermischt, und so kommt nicht nur sie selbst , sondern auch ich zuweilen etwas durcheinander. Aber die Gegenwart holt uns dann beide zurück.  Herrlich.

Hagars Gedanken bringen uns zurück bis in ihre Kindheit, ihre Jugend; mal knorrig, mal brutal, irgendwie berührend und einfühlsam, aber auch zuweilen humorvoll. Mir als Leser wächst Hagar im Laufe des Buches ans Herz und ich folge so gern ihren Gedanken, kann ihre Art und Weise mit Menschen umzugehen nicht immer ganz verstehen aber mir erschließt sich dann doch das Warum. Ich darf als Leser die Protagonistin begleiten bei einer Zeitreise durch 90 Jahre Leben, das zum einen durch ihren sehr strengen Vater und ihren doch brutalen Mann und zum anderen durch einen Schicksalsschlag durchaus geprägt wurde und erlebe hautnah mit, wie Hagar im Laufe der Zeit Stück für Stück ihre Eigenständigkeit verliert.
Margaret Laurence‘s Roman erschien bereits in den 60er Jahren und hat für mich nichts an seiner Bedeutung verloren. Die Übersetzung v. Monika Baark ist wirklich gelungen und der Roman kommt trotz der Gewalt, der Entbehrungen die Hagar erlebt hat und trotz ihres Verlustes der Eigenständigkeit mit leisen Tönen aus ohne leise und leicht zu sein. Eine großartige Geschichte, wortgewandt und ist auch hier und da humorvoll erzählt und ich bemerkte wie ich neben Hagar sitze mit einem manchmal verschmitzten Lächeln.

Zum Schluss bleibe ich nachdenklich, berührt und leise zurück. Ein Buch das mich sehr bewegt und lange nachhallt.

Eine ganz klare Leseempfehlung und dafür gibt es von mir 5 von 5 *.

„Jig Saw Man -im Zeichen des Killers“

Von Nadine Matheson, erschienen im Lübbe Verlag; Übersetzung v. Rainer Schumacher

Schwacher Start mit heftigem Showdown

Ich bin hin- und hergerissen. Die Story dürfte anhand des Klappentextes bekannt sein. Ein Serienkiller treibt in London sein Unwesen. Nicht nur dass er seine Opfer umbringt, nein er zerstückelt sie und verteil die Leichen an verschiedenen Stellen. Eine völlig irre Story.

Aber von vorn. Das Cover ist für mich sehr ansprechend, macht neugierig und es macht Lust, das Buch zu lesen. Es geht auch sehr schnell los und wir haben die erste Leiche. Es hat lange gedauert, bis ich drin gewesen bin in der Geschichte, da der Schreibstil für mich nicht ganz einfach war und im ersten Drittel des Romans waren es mir viel zu viele Charakter, welche eine Rolle spielen im Roman. Da kann man schon ein wenig durcheinander kommen. Die Spannung war mir definitiv zu wenig, zumindest am Anfang. Dies wurde dann besser. Die Spannung stieg und wir erfahren nur mit der Salamitaktik mehr über und von unseren Protagonisten. Das ist gut und tut dem Roman ebenfalls gut. So will man weiterlesen, damit man die Puzzleteile zusammenfügen kann.
Die Hauptprotagonisten sind definitiv Inspector Anjelica Henley, ihr „Azubi“ Ramouter und deren Chef Pellacia und nicht zu vergessen der Jig Saw Man, der in Haft sitzt. Wir erfahren auch das Henley Eheprobleme hat, was scheinbar bei den meisten Kommissaren in den Romanen wohl der Fall ist. Das war mir zu viel Klischee.
Mir sind die Informationen über Henleys „Azubi“ Ramouter und ihren Chef Pellacia, sowie Henleys Mann Rob und den damit verbundenen Eheproblemen zu dürftig. Nicht zu vergessen der Jig Saw Man, namens Olivier; auch dessen Figur hätte noch besser dargestellt werden können/sollen, denn aus meiner Sicht liegen hier Genialität und Wahnsinn sehr dicht beieinander. Er erinnerte mich sehr stark an Hannibal Lecter aus „das Schweigen der Lämmer“. Ich gehe davon aus, dass wir mehr im Folgeroman darüber erfahren werden. Clevere Lösung. 😉
Gut gefällt mir dann doch der Spannungsbogen, der sich über die Kapitel hinweg aufbaut, wenngleich vieles (zum Teil) ein wenig vorhersehbar ist, da dies bekannten Mustern aus anderen Thrillern gleicht. Dennoch gibt es die ein oder andere Situation oder Handlung im Buch, welche mich doch überrascht hat. Das letzte Drittel des Thrillers ist definitiv spannend.

Mein Fazit: ein spannender Thriller aber mit deutlichen Schwächen. Eine blutrünstige Geschichte macht noch keinen guten Thriller.

„Der Zopf“

von Laetitia Colombani, erschienen im FISCHER Verlag, Übersetzung von Claudia Marquart

Ein wirklich empathisch, gutes Buch

„Der Zopf“ ist Laetitia Colombanis Debütroman, der 2019 erschienen ist und lange Zeit auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand; jetzt steht auch fest, dass er verfilmt wird.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf diesen Roman aufmerksam geworden bin, aber wahrscheinlich war er in der Buchhandlung meines Vertrauens nicht zu übersehen, oder ich habe auf Instagram darüber gelesen. Ehrlich gesagt, war ich immer etwas skeptisch, weil ich gedacht hatte, es ist ein klassisches Frauenbuch (was soll das eigentlich sein, ein Frauenbuch?). Jetzt weiß ich es besser, denn es ist ein „Menschenbuch“ und ich muss jetzt sagen, ich hätte das Buch schon viel eher lesen sollen.

Kurz zum Inhalt:

Es geht um drei Frauen. Smita, eine Unberührbare in Indien; Giulia, Tochter eines Perückenfabrikbesitzers auf Sizilien und um Sarah, eine erfolgreiche Anwältin in Montreal. Und die drei Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein; eine Jede mit ihrer eigenen -und aus meiner Sicht- starken Geschichte.

Das Cover finde ich unaufgeregt aber dennoch ist es für mich ansprechend gestaltet und hat mich immer wieder angezogen. Abgebildet klar: ein geflochtener Zopf.

Der Schreibstil des Romans hat mich wirklich begeistert. Die Autorin schreibt in einem ruhigen, angenehmen, mäanderten Stil ohne jedoch langweilig zu wirken. Diesem Stil bleibt sich die Autorin von der ersten bis zur letzten Seite treu, obwohl so einiges Aufregendes geschieht. Und gerade das war ein Aspekt, warum ich dieses Buch verschlungen habe. Sie beschreibt die Umgebung der drei Frauen so detailliert und anschaulich, dass ich mich in die Situationen, in denen sie sich jeweils befanden, sehr gut hineinversetzen konnte.

Jede der drei Frauen hat ihren eigenen Weg zu gehen; Wege die alles andere als einfach sind. Und ich habe mich anfangs gefragt, was die drei Frauen mit dem Titel „Der Zopf“ zu tun haben könnten? Aber im Verlauf des Romans eröffnet uns Laetitia Colombani leise und einfühlsam das Geheimnis. Alle drei Frauen sind unheimlich stark und sind ebenso hervorragen dargestellt.

Was mich beeindruckt hat, war der Umstand, dass alle drei Frauen aus völlig unterschiedlichen sozialen Schichten kommen und dennoch vieles Gemeinsam haben. Smita als Unberührbare hat keine Rechte in Indien und lebt in der untersten Schicht, die es in Indien gibt; Giulia scheint das wohlbehütete, verwöhnte Fabrikantentöchterchen aus Palermo zu sein und Sarah, die Powerfrau und erfolgreiche Anwältin in Montreal, die vermeintlich nichts aus der Bahn werfen kann. Aber weit gefehlt. Ich finde die Zielstrebigkeit, ihre Beharrlichkeit und die Art und Weise wie sie ihre Ziele verfolgen und versuchen diese auch gegen alle gesellschaftlichen Regeln zu erreichen, einen die drei Frauen auf eine ganz eigene Weise. Und natürlich spielen Haare eine nicht ganz unwichtige Rolle in ihren Leben.

Aber bei aller Euphorie fand ich es wirklich schade, dass der Roman viel zu schnell zum Ende kommt. Es wirkt fast schon gehetzt, wie die Autorin die Geschichte zum Ende bringt und ihr dadurch etwas vom anfänglichen Charme nimmt. Hier hätten dem Roman noch mindestens 200 Seiten gut getan um diesen Eindruck zu vermeiden.

Mein Fazit: Ein ganz emphatischer, einfühlsamer Roman, der mit leisen Tönen hervorragend auskommt und dennoch, oder gerade deswegen es vermag, die Kraft, die Zielstrebigkeit und die Willenskraft der drei Frauen wunderbar darzustellen. Eine klare Leseempfehlung.

„Der Hund und sein Mensch“

von Josef H. Reichholf, erschienen im Carl Hanser Verlag

Leider überhaupt nicht meins

Zunächst einmal vielen Dank an Lovelybooks und den Hanser Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Das Buch „der Hund und sein Mensch – oder wie sich der Wolf und uns domestizierte“ hat ein wirklich ansprechendes Cover. Welcher Hundebesitzer wird nicht schwach beim Anblick eines treuen Weggefährten. Und auch die Beschreibung im Klappentext hat mich neugierig gemacht. Allerdings war es das dann auch schon, was mir am Buch wirklich gefallen hat. Das Buch hat gerade mal 224 Seiten was es in der Tat leicht macht, es in einem Rutsch durchzulesen. Der Schreibstil ist flüssig und lässt sich wirklich gut lesen.

Die Gliederung im Buch ist gut durchdacht und führte mich von einer wissenschaftlichen Seite an das Thema heran. Die Frage, ob nun der Mensch den Wolf gezähmt hat oder der Wolf sich dem Menschen unterworfen hat, bleibt aus meiner Sicht schon mal unbeantwortet. Ja der wissenschaftliche Teil geht zurück zu den Neandertalern, beachtet dabei die Entwicklung auf den Kontinenten, die Geografie, die Klimaverhältnisse und versucht einen Einblick zu geben über die Entwicklung von Mensch und Tier. Aus meiner Sicht bezieht sich der Autor hier auf wissenschaftliche Studien, erwähnt Selbige aber nicht, was es für mich schwer macht die Quellen hierzu selbst nachzuschlagen.

Der etwas angenehmere Teil war definitiv der Rückblick auf seinen eigenen Hund und dessen Geschichte. Wie kam er in die Familie, welche Erfahrungen wurden gemacht bis schließlich hin zum schweren Abschied, der einem jeden Hundebesitzer eines Tages leider zu Teil wird.

Zum Schluss hin wird im Buch nun noch der Unterschied zwischen Hunden und Katzen erläutert, der mich ehrlich gesagt, als Hundebesitzer nicht wirklich interessiert hat. Aber dies ist nur meine eigene subjektive Meinung.

Mir war der erste Teil etwas zu wissenschaftlich, wenngleich wirklich gut und verständlich erklärt. Alles in allem hatte ich mir etwas anderes vom Buch erhofft und so lässt mich das Buch etwas ratlos zurück. Schade.

„Das Gerücht“

von Lesley Kara, erschienen im dtv-Verlag, übersetzt von Britta Mümmler

Spannender Debütroman

„Ein mitreißendes Debüt“ so titelt die Daily Mail, der Sunday Mirror schreibt „ein fantastisches Buch“ und ja, ich kann mich da anschließen. In der Tat, ein wirklich spannender Roman, den ich so nicht erwartet habe.

Lesley Kara hat als Krankenschwester und Sekretärin gearbeitet, Englisch studiert, eine Zusatzausbildung zur Lehrerin gemacht und als Dozentin und Managerin im Bereich Further Education gearbeitet. UND…. sie hat diesen Roman geschrieben.

Kurz zur Geschichte: Die alleinerziehende Joanna zieht mit ihrem kleinen Sohn Alfie in eine englische Kleinstadt am Meer und hier herrscht zunächst absolute Idylle, bis sie eines Tages ein Gerücht aufschnappt. Die Kindermörderin Sally McGowan soll unter anderem Namen in dieser Kleinstadt leben. Joanna erzählt anderen Müttern von diesem Gerücht und ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt.

Lesley Kara gelingt mit ihrem Debütroman wirklich Großartiges. Wie oben beschrieben, geschieht hier im Roman nicht „allzu viel“ – lediglich wird nur ein Gerücht in die Welt gesetzt. Aber das reicht definitiv aus. Die Autorin schafft es von der ersten Seite an, einen wirklich hervorragenden Spannungsbogen parat zu haben. Der Schreibstil ist flüssig und verliert sich nie in Wirrungen und bleibt stets klar und nachvollziehbar. Die Geschichte an sich ist zwar einfach aber von Seite zu Seite schafft die Autorin die Spannung nicht nur zu halten, sondern zu steigern. Und das kraftvoll, effektiv und mit Liebe zum Detail, ohne dabei zu weit abzuschweifen oder gar langweilig zu werden. Die Charaktere im Buch sind alle ziemlich undurchsichtig und unscheinbar und bleiben bis zum Ende „verdächtig“ oder auch nicht, weil wir immer nur Bruchteile ihrer Geschichte mit der Salamitaktik erfahren, was mich stets zum Weiterlesen gezwungen hat. Ich konnte/wollte weder aufhören zu lesen, noch das Buch aus der Hand legen. Joanna, die Hauptprotagonistin im Buch ist klar dargestellt und eigentlich die nette Nachbarin von Nebenan. So wie alle Nachbarn im Buch. Alle sind mir irgendwie bekannt, vertraut und ich erkenne mich selbst in dem einen oder anderen Nachbarn, oder ich erkenne einen meiner Nachbarn im Buch. Normale Leut‘ halt. Aber im Laufe der Geschichte macht der Roman etwas mit mir. Ich werde misstrauischer, fühle eine Bedrohung im Roman und schlage mich immer öfter auf die eine oder andere Seite. Mein Pulsschlag erhöht sich, aber plötzlich wendet sich die Geschichte und ich liege völlig falsch. Wie konnte ich mich so täuschen? oder doch nicht? Sind meine Vermutungen und Verdächtigungen richtig und/oder berechtigt oder völlig falsch?

Und dann ertappe ich mich und muss mich an meiner eigenen Nase packen, dass ich auch schon mal an einer Verbreitung eines Gerüchtes beteiligt gewesen bin. Ebenso wie in diesem Buch, nur ohne diese Auswirkungen. Glück gehabt.

Jede Seite dieses Roman ist gefüllt mit Spannung und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mich bedroht fühle. Ich fühle mit den Protagonisten im Buch mit, rege mich auf und verurteile, werde ein Teil der Geschichte und will helfen. Die Autorin schafft es den Spannungsbogen bis zum Zerreissen zu spannen und dann gipfelt die Geschichte mit Wendungen, die mich sprachlos und etwas geschockt zurück lassen.

Die Geschichte zeigt mir, wie gefährlich es sein kann, wenn ich ein kleines Gerücht, völlig unbedarft weiter tratsche. Wir sollten alle etwas besser darauf achten, was wir wann und vor allem wem erzählen……Aus meiner Sicht ein wirklich spannender, aufregender und absolut lesenswerter Roman! Eine klare Leseempfehlung und für mich ein Highlight dieses Genres in 2020!

„Alles was ich dir geben will“

von Dolores Redondo, erschienen im btb-Verlag, übersetzt v. Lisa Grüneisen

Ein wunderbarer Roman

Vorweg möchte ich sagen, dass es schon eine Weile her ist, dass ich das Buch gelesen habe, aber das ist wirklich ein Buch das nachhallt und das einen wirklich nicht einfach so zurück lässt. Dieser Roman hatte in Deutschland nicht den gleichen Erfolg hatte wie in Spanien, was wirklich schade ist. Dolores Redondos Roman stand monatelang auf der spanischen Bestsellerliste und wurde mit dem Premio Planeta, dem höchstdotierten Literaturpreis des Landes, ausgezeichnet.

Der Roman ist beeindruckend. Wunderschön und wortgewaltig geschrieben, sodass ich jederzeit mit Manuel, dem Hauptprotagonisten mit gefiebert und mitempfunden habe.

Kurz zur Geschichte: Als der Schriftsteller Manuel Ortigosa erfährt, dass sein Mann Álvaro bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, fährt er sofort nach Galicien. Dort ist das Unglück passiert. Dort ist die Polizei auffallend schnell dabei, die Akten zu schließen. Dort stellt sich auch schnell heraus, dass Àlvaro seinen Mann seit Jahren getäuscht und ein Doppelleben geführt hat. Aber was machte Àlvaro in jener Nacht auf der einsamen Landstraße? Zusammen mit einem eigensinnigen Polizisten der Guardia Civil und Àlvaros Beichtvater stellt Manuel nun Nachforschungen an. Eine Suche, die ihn in uralte Klöster und vornehme Herrenhäuser führt. In eine Welt voller eigenwilliger Traditionen – und in die Abgründe einer Familie.

Dolores Redondo beschreibt die Landschaften, den eigenen Weinberg, und die Charaktere im Buch so umfangreich aber nie langatmig oder gar langweilig. Sie sind alle sehr markant herausgearbeitet. Die Geschichte beginnt etwas langsam und der Spannungsbogen beginnt etwas zäh. Jedoch nimmt die Geschichte bald an Fahrt auf, und ist mit vielen Wendungen und Überraschungen gespickt, die ich so nicht erwartet hatte. Im Laufe der Geschichte tun sich in der Tat Abgründe auf, inwieweit Menschen bereit sind alles, aber wirklich alles für den guten Schein und deren adeligen Stand zu opfern. Erschreckend wie wenig Empathie Menschen gegenüber ihren eigenen Familienangehörigen entgegenbringen, nur um den Schein einer intakten Familie aufrecht zu erhalten. Der Roman zeigt uns auch bis zum Schluss, wie groß wahre und echte Liebe auch über den Tod hinaus währt.

Spannend sind auch die kleinen „Nebenschauplätze“ und die vermeintlichen „Nebendarsteller“ mit ihren großartig umschriebenen Charakter, die sich ganz wunderbar ins Gesamtbild der Geschichte eingliedern und mich zu keiner Zeit gelangweilt haben, da ich feststellen musste, dass gerade ohne diese Charaktere der Roman nicht so geworden wäre, wie er nun mal ist. Ein großartiger Roman, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat und ein wirklich lesenswertes Buch ist.