„Der Zopf“

von Laetitia Colombani, erschienen im FISCHER Verlag, Übersetzung von Claudia Marquart

Ein wirklich empathisch, gutes Buch

„Der Zopf“ ist Laetitia Colombanis Debütroman, der 2019 erschienen ist und lange Zeit auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand; jetzt steht auch fest, dass er verfilmt wird.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf diesen Roman aufmerksam geworden bin, aber wahrscheinlich war er in der Buchhandlung meines Vertrauens nicht zu übersehen, oder ich habe auf Instagram darüber gelesen. Ehrlich gesagt, war ich immer etwas skeptisch, weil ich gedacht hatte, es ist ein klassisches Frauenbuch (was soll das eigentlich sein, ein Frauenbuch?). Jetzt weiß ich es besser, denn es ist ein „Menschenbuch“ und ich muss jetzt sagen, ich hätte das Buch schon viel eher lesen sollen.

Kurz zum Inhalt:

Es geht um drei Frauen. Smita, eine Unberührbare in Indien; Giulia, Tochter eines Perückenfabrikbesitzers auf Sizilien und um Sarah, eine erfolgreiche Anwältin in Montreal. Und die drei Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein; eine Jede mit ihrer eigenen -und aus meiner Sicht- starken Geschichte.

Das Cover finde ich unaufgeregt aber dennoch ist es für mich ansprechend gestaltet und hat mich immer wieder angezogen. Abgebildet klar: ein geflochtener Zopf.

Der Schreibstil des Romans hat mich wirklich begeistert. Die Autorin schreibt in einem ruhigen, angenehmen, mäanderten Stil ohne jedoch langweilig zu wirken. Diesem Stil bleibt sich die Autorin von der ersten bis zur letzten Seite treu, obwohl so einiges Aufregendes geschieht. Und gerade das war ein Aspekt, warum ich dieses Buch verschlungen habe. Sie beschreibt die Umgebung der drei Frauen so detailliert und anschaulich, dass ich mich in die Situationen, in denen sie sich jeweils befanden, sehr gut hineinversetzen konnte.

Jede der drei Frauen hat ihren eigenen Weg zu gehen; Wege die alles andere als einfach sind. Und ich habe mich anfangs gefragt, was die drei Frauen mit dem Titel „Der Zopf“ zu tun haben könnten? Aber im Verlauf des Romans eröffnet uns Laetitia Colombani leise und einfühlsam das Geheimnis. Alle drei Frauen sind unheimlich stark und sind ebenso hervorragen dargestellt.

Was mich beeindruckt hat, war der Umstand, dass alle drei Frauen aus völlig unterschiedlichen sozialen Schichten kommen und dennoch vieles Gemeinsam haben. Smita als Unberührbare hat keine Rechte in Indien und lebt in der untersten Schicht, die es in Indien gibt; Giulia scheint das wohlbehütete, verwöhnte Fabrikantentöchterchen aus Palermo zu sein und Sarah, die Powerfrau und erfolgreiche Anwältin in Montreal, die vermeintlich nichts aus der Bahn werfen kann. Aber weit gefehlt. Ich finde die Zielstrebigkeit, ihre Beharrlichkeit und die Art und Weise wie sie ihre Ziele verfolgen und versuchen diese auch gegen alle gesellschaftlichen Regeln zu erreichen, einen die drei Frauen auf eine ganz eigene Weise. Und natürlich spielen Haare eine nicht ganz unwichtige Rolle in ihren Leben.

Aber bei aller Euphorie fand ich es wirklich schade, dass der Roman viel zu schnell zum Ende kommt. Es wirkt fast schon gehetzt, wie die Autorin die Geschichte zum Ende bringt und ihr dadurch etwas vom anfänglichen Charme nimmt. Hier hätten dem Roman noch mindestens 200 Seiten gut getan um diesen Eindruck zu vermeiden.

Mein Fazit: Ein ganz emphatischer, einfühlsamer Roman, der mit leisen Tönen hervorragend auskommt und dennoch, oder gerade deswegen es vermag, die Kraft, die Zielstrebigkeit und die Willenskraft der drei Frauen wunderbar darzustellen. Eine klare Leseempfehlung.

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